Ralf Sander geht: Das ganze Herzblut für die Tagesstätte

 
 
Ralf Sander freut sich unter anderem auf mehr Zeit fürs Reisen. Foto: privat
Pressemitteilung von: 
17.08.2021

Kaufbeuren (pm). Knapp 25 Jahre war Ralf Sander Leiter der Tagesstätte für psychische Gesundheit. Ende August beendet der 62-Jährige seine Tätigkeit in der Diakonie-Einrichtung.

Als der Diplom-Sozialpädagoge (FH) 1996 seinen Dienst beim Diakonischen Werk Augsburg (DWA) antrat, waren die Tagesstätten noch ein neues Phänomen in der außerklinischen Versorgung psychisch kranker Menschen: Die Einrichtung in der Bismarckstraße wurde im Februar 1997 eröffnet und war erst die zweite ihrer Art im Bezirk Schwaben. Mittlerweile sind die niederschwelligen Anlaufstellen aus dem Netz der gemeindepsychiatrischen Hilfen nicht mehr wegzudenken.

Die Tagesstätte in Kaufbeuren ist die älteste in Trägerschaft des DWA. Gestartet mit 20 Plätzen wurde die Zahl bald auf 27 aufgestockt. In Hochzeiten kamen bis zu 70 Besucher*innen. Aktuell sind 44 Personen angemeldet. Wegen der weiterhin geltenden Hygienemaßnahmen können aktuell maximal 16 Besucher*innen gleichzeitig kommen, entweder vormittags oder nachmittags. Jede*r gestaltet den Besuch in der Einrichtung individuell nach dem persönlichen Bedarf und Leistungsvermögen: „Wir holen die Menschen da ab, wo sie sind“, sagt Sander.

Erste Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen hatte der gebürtige Mannheimer bereits während seines Studiums Mitte der 80er Jahre gesammelt, als er ein längeres Praktikum im Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren absolvierte. Positiv am Konzept der Tagesstätten findet er unter anderem, dass der Besuch nicht zeitlich begrenzt ist: Manche Besucher*innen kommen ein oder zwei Jahre, andere nutzen das Angebot für eine Überbrückungszeit von drei bis vier Monaten. Und zwei bis drei Personen sind schon fast so lange da wie Sander selbst. Der Anteil von Männern und Frauen hat sich über die Jahre in etwa die Waage gehalten. Verändert hat sich dagegen die Altersstruktur: Es kommen mehr Jüngere, „die mit dem Leistungsdruck der Gesellschaft nicht klar kommen“, sagt Sander, der weiterhin Aufklärungsbedarf sieht, sowohl in der Gesellschaft als auch bei den Angehörigen. Wenn die eigene Familie eine psychische Erkrankung nicht als solche anerkenne, sei das für viele Betroffene eine zusätzliche Belastung. Auf der anderen Seite gebe es auch fürsorgliche Familien, die eine große „Opferbereitschaft“ mitbrächten und die man dazu ermutigen müsse, „Hilfen von außen zuzulassen“, so Sander: „Aber das ist die Minderheit.“

Auch bei anderen Menschen beobachtet er eine gewisse „Schwellenangst“, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Ausnahmen sind die Fahrradwerkstatt, in die Kund*innen ihre Räder zur Reparatur brächten oder die Bücherstube, die einen Stamm treuer Kund*innen habe. Mit Aktionen wie dem Büchermarkt, der vor Corona zwei Mal jährlich im Frühjahr und im Herbst stattfand, oder dem Christbaumverkauf, bei dem Mitarbeiter*innen und Besucher*innen der Tagesstätte Bäume im Stadtgebiet gegen einen Aufpreis ausliefern, versuchen Sander und sein Team, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Ein großer Erfolg war vor der Pandemie auch das Repair-Café, das seit Anfang 2018 monatlich in Kooperation mit dem Seniorenbeirat der Stadt Kaufbeuren in den Räumen der Tagesstätte stattfand.

„Mein ganzes Herzblut steckt in der Tagesstätte“, resümiert Sander. Und fügt stolz hinzu: „Wir sind bekannt für unsere große Angebotspalette.“ Diese reicht von handgefertigten Anzündhilfen über hochwertige Keramikprodukte bis zur Holzwerkstatt. Aktuell arbeitet er seine Nachfolgerin Brigitte Helminger ein, um einen fließenden Übergang in der Leitung der Einrichtung zu gewährleisten. Sander, der sich ehrenamtlich in der Matthäusgemeinde Kempten und für Alpha Deutschland (Glaubens- und Ehekurse) engagiert,  freut sich unter anderem auf mehr Zeit mit der Familie – zu der neben seiner Frau vier erwachsene Kinder und ein Enkelkind gehören – für Radtouren, Wanderungen und Reisen.

 

Info: Die Tagesstätte für psychische Gesundheit in der Bismarckstraße besteht seit 1997 und ist die älteste der vier Tagesstätten in Trägerschaft des DWA. Weitere Einrichtungen gibt es in Augsburg, Mering und Meitingen.
Zum Team der Tagesstätte Kaufbeuren gehören neun Mitarbeiter*innen in Teil- und Vollzeit, davon sechs – einschließlich der Einrichtungsleitung – zum Betreuungspersonal.
Die Tagesstätten sind ein niedrigschwelliges Angebot, das Begegnungsmöglichkeiten schafft und den Tagesablauf strukturiert mit dem Ziel, den seelischen Gesundheitszustand zu stabilisieren und Rückfälle oder Klinikaufenthalte zu vermeiden. Das Angebot ist für die Besucher*innen freiwillig und kostenlos. Kostenträger ist der Bezirk Schwaben.