Fachgespräch Migration: Digitalisierung und Bildung

 
 
Pressemitteilung von: 
01.03.2021
Hilfe für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Online-Lernen ist für alle Schüler*innen eine Herausforderung. Wie ergeht es geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die mit vielen Menschen auf engem Raum leben – ohne ausreichende technische Ausstattung?

Der 23-jährige Samir stammt aus dem Irak und lebt seit 2014 in Deutschland. Momentan ist er im ersten Lehrjahr zum Verkäufer bei einem Lebensmitteldiscounter, demnächst steht die Zwischenprüfung an. Er lebt mit seinen Eltern und seinem 15-jährigen Bruder zusammen, der noch zur Schule geht. Wenn beide gleichzeitig den Laptop zum Lernen brauchen, gibt es Probleme. Aktuell ist die Farbe für den Drucker ausgegangen, eine neue Patrone kann Samir erst kaufen, wenn sein Ausbildungslohn da ist.

Badra ist 22, stammt aus Somalia und lebt seit mehr als fünf Jahren in Deutschland. Sie hat einen Abschluss als Sozialpflegerin und wollte im September 2020 die Ausbildung zur Fachkraft Gesundheitspflege anfangen. Das Onlinelernen war für sie – auch aufgrund der beengten Wohnverhältnisse mit sechs Geschwistern – so schwierig, dass sie die Ausbildung abgebrochen hat und im nächsten Ausbildungsjahr noch einmal angehen will. Für Carina Dannowski, Beraterin im Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werkes Augsburg (DWA), „ein gutes Beispiel für verpasste Chancen und ausgebremste Lebensläufe aufgrund von Corona“.

Dannowski berät auch Badra und Samir. Neben der Unterbrechung oder Verzögerung des eigenen Bildungsweges tragen die Jugendlichen auch noch die Verantwortung für jüngere Geschwister, die sie beim Lernen unterstützen. Dannowskis Kollege Manfred Hörr ergänzt: „Unsere Klient*innen sind mit der Digitalisierung komplett überfordert, weil sie es in der Schule nicht gelernt haben.“ Hinzu kommt bei den Schüler*innen, die in Unterkünften leben, dass es dort nicht immer eine verlässliche Internetverbindung gibt, sich mehrere Geschwister ein mobiles Endgerät teilen müssen oder konzentriertes Lernen nicht möglich ist, wenn mehrere Kinder gleichzeitig an einem Tisch an Videokonferenzen teilnehmen.

Grund genug, „Digitalisierung und Bildung“ zum Thema eines Online-Fachgesprächs zu machen, zu dem der Jugendmigrationsdienst gemeinsam mit der Migrationsberatung für Erwachsene im DWA eingeladen hatte. Teilnehmer*innen waren unter anderem Bürgermeisterin Martina Wild und Sozialreferent Martin Schenkelberg. Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, auch dem digitalen – das wünschen sich die Berater*innen des DWA für ihre Klient*innen. Im Fachgespräch wurde deutlich: Wunsch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander, wenn es um Digitalisierung geht – das liegt nicht nur an der mangelnden technischen Ausstattung, sondern auch an sprachlichen Barrieren oder fehlender Medienkompetenz, so dass Eltern ihren Kindern beim Lernen nicht helfen können.

Unterstützung erhalten Klient*innen des Jugendmigrationsdienstes durch ehrenamtliche Sprachpat*innen. Trotz der technischen Hürden sind vier von ihnen weiterhin aktiv und begleiten die Jugendlichen – nicht wie gewohnt in persönlichen Treffen, sondern online über Videokonferenzen.
„Wir sind froh, dass wir mit dem Gespräch Jugendlichen die Möglichkeit geben konnten, ihre Erfahrungen und Blickwinkel auf das Thema zu schildern“, sagt Marliese Mische vom Jugendmigrationsdienst. Sie und ihre Kolleg*innen wollen ein weiteres Fachgespräch initiieren. Thema soll dann die Digitalisierung in Ämtern wie etwa der Ausländerbehörde sein. Konnten Flüchtlinge oder Migrant*innen dort bisher selbst mit ihren Anliegen vorstellig werden, läuft die Kommunikation seit Corona meist digital: „Per Mail, also schriftlich haben viele Leute Sorge, dass ihr Deutsch nicht gut genug ist und sie die Frage nicht richtig formulieren“, hat etwa Samir in seiner Familie und seinem Bekanntenkreis beobachtet. „Die Selbstständigkeit bei Ämtergängen geht während des Lockdowns verloren“, bestätigt Carina Dannowski. Und das bedeute in vielen Fällen, „dass auch hier viel Verantwortung bei den Jugendlichen hängen bleibt.“