Tagesstätte: Auf der Suche nach dem Glück

 
 
Pressemitteilung von: 
19.08.2019
Gesprächsangebot für psychisch Kranke

Die Tasse Kaffee am Morgen, der Lottogewinn, das Lächeln eines geliebten Menschen – Glück ist für jeden etwas Anderes. Jeden Montag lädt Sandra März Besucher der Tagesstätte für psychische Gesundheit zur Glücksgruppe ein.
Ein Karton mit Holzwäscheklammern zeigt, wie viele Besucher schon an der Gruppe teilgenommen haben. Mit den namentlich gekennzeichneten Klammern markieren die Teilnehmer am Anfang jedes Treffens ihre aktuelle Gemütslage auf dem Stimmungsbarometer. Wer möchte, kann auch noch etwas dazu sagen: „Ich habe heute Schmerzen.“ oder „Ich habe am Wochenende einen Ausflug gemacht.“ Abgesehen von der üblichen „Montagsmüdigkeit“ ist die allgemeine Verfassung an diesem Mittag im Juli relativ gut.
„Das Barometer ist für mich wichtig, damit ich die Stimmung einschätzen kann und weiß, worauf ich mich einstellen muss“, erklärt Sandra März, die die Glücksgruppe vor vier Jahren ins Leben gerufen hat.
Als Ergotherapeutin ist sie in der sozialpsychiatrischen Einrichtung des Diakonischen Werkes Augsburg (DWA) eigentlich für den Kreativbereich zuständig und hat festgestellt, dass die Besucher bei ihr auch schnell „ins Machen und Tun kommen“. Allerdings hätten viele auch einen großen Redebedarf: „Sie durchleben immer wieder das Gleiche.“ Da die Tagesstätte keine Psychotherapie anbietet, kam sie auf die Idee mit der Glücksgruppe. Dort können sich die Besucher mit anderen austauschen. „Bei vielen bleibt davon mehr hängen als von einem Werkstück“, ist März überzeugt.
Die Gruppe ist ein offenes Angebot, es gibt ein Kommen und Gehen. Ein harter Kern nimmt regelmäßig teil. So wie Stefanie Berger*, die die Glücksgruppe seit etwa anderthalb Jahren besucht. „Ganz klasse“ findet sie das Angebot. „Wenn man Depressionen hat, ist alles dunkel, grau und trostlos.“ Sie habe erst wieder lernen müssen, „die kleinen Momente bewusst zu erleben“, erklärt die 59-Jährige. „Alles fängt mit einem kleinen Funken an.“
Mit den kleinen Glücksmomenten beschäftigt sich die Gruppe auch an diesem Tag. Auf Karteikarten sollen die Besucher notieren, was ihr persönliches kleines Glück ist. Für den einen ist es die erste Zigarette am Morgen, für die andere sind es spielende Kinder, für den dritten die relative Gesundheit nach einem Schlaganfall. Überhaupt liegt für viele hier das Geheimnis eines glücklichen Lebens darin, mit dem zufrieden zu sein, was man hat oder realistisch erreichen kann und nicht im Streben nach unerreichbaren Zielen wie dem Lottogewinn.
Sandra März freut sich, dass die Gruppe nach vier Jahren immer noch besteht und wenn montags „der ganze Raum voll ist“. Wichtig ist ihr, dass alles freiwillig ist und es keinen Zwang gibt. Als Erfolgserlebnis bewertet sie die Entwicklung einer Besucherin, die anfangs selten etwas gesagt oder aufgeschrieben hat und mittlerweile  sichtlich in der Gruppe auflebt.
Auf einen „Glücklichmacher“ können sich übrigens fast alle Teilnehmer einigen: Schokolade. Und so steigt die Stimmung zum Ende der Runde auf dem Barometer noch mal sichtbar an, als Sandra März zwei Tafeln spendiert.

*Name geändert